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LBM 2023

LBM 2023
27. April 2023

Es ist hell morgens, dafür kalt wie Mitte März, dem jahrzehntelang üblichen Zeitrahmen der Leipziger Buchmesse. Einzig die blühenden Obstbäume, die kilometerlang Straßen und Fahrwege säumen, weisen auf das aktuelle Datum. Es ist Ende April und am Wochenende wird es wieder warm.

Die Natur explodiert, wie in jedem Frühjahr, von einem zum anderen nehme ich es bewusster wahr, liegt wohl am Älterwerden.

Am frühen Morgen im Zug zu sitzen ist ungewohnt, zwischen all den jungen Leuten, die zur Arbeit fahren und schwatzen oder ein Nickerchen halten. Ich bin hundemüde, aber zum Einnicken viel zu aufgeregt.

In den ersten Jahren meines Schriftstellerdaseins bin ich in jedem März nach Leipzig gefahren. Mit einem Rucksack voller Manuskriptauszüge, Visitenkarten, Beutel für Gratiszeitungen. Die Beutel füllte ich, meine Texte wurde ich nicht los.

Heute weist jeder Blogger darauf hin, dass man ohne Termin nicht bei Verlagen vorstellig werden soll und kann. An den meisten Ständen sind die Lektoren eh nicht vor Ort oder lassen sich verleugnen. Schutzmechanismus, auch vor Jahren war ich nicht die einzige mit kiloschwerem Text-Gepäck.

Es gab dann Messen, zu denen ich gefahren bin, weil ich etliche Termine vorab vereinbaren konnte und mich mit Kolleginnen verabredete, Dozenten oder berühmte Autoren traf. Einige Male kamen eigene Lesungen dazu, auf dem Messegelände oder in der Stadt.

Ungefragt klapperte ich nur noch die Stände der Schulbuchverlage ab, um für Flüchtlingskinder Material zu erbetteln. Diese Bittstellerei übte ich souverän und erfolgreich aus, ich tat es für andere, das war der Unterschied.

Die Möglichkeit, auf dem Messegelände in einer Stunde zehn Lesungen zu besuchen, minutenlang zuzuhören, weiterzugehen, immer in dichtem Getümmel, immer in Bewegung, nehme ich nicht mehr wahr. Es ist eine gute Idee, wie beim Lesen auch, nach Minuten entscheiden zu können, ob mir Geschichte, Sprache, hier sogar: Vortragsweise gefallen. Ich kann mich – ohne Aufsehen zu erregen – wieder entfernen. Die zahlreichen Lesungen in all den Hallen auf dem Messegelände verleiten dazu, überall sein zu wollen, etwas aufzuschnappen, schnell ein Urteil zu bilden und weiterzuziehen. Das entspricht dem Twitter-Instagram-Zeitgeist heute noch viel mehr als vor Jahren. Mich erschöpft das. Nach einer Stunde habe ich so viele Geschichten, Schreibstile und Figuren im Kopf, als hätte ich zwanzig Trailer hintereinanderweg gesehen – und so ist es schließlich auch. Nur, dass ich dabei nicht auf dem Fernsehsessel entspanne und mittels Fernbedienung in der Hand jederzeit ausschalten könnte, sondern in den immer zu warmen gläsernen Hallen auch noch von viel zu vielen anderen Gästen eingeengt werde. Mich bedrängt fühle. Diesen körperlichen Kontakt mochte ich auf der Messe noch nie, inzwischen ist eine Grundangst hinzugekommen, die bleiben wird.

Meine Leipziger Freundin wird später davon schwärmen, wie entspannt es an diesem Donnerstag zwischen den vielen Ständen zuging – und ich werde sie erstaunt angucken und sagen: Mir ist es schon viel zu voll.

Noch sitze ich im Zug, dem dritten, das erste Umsteigen war ein Sprint, Treppen runter, Treppen hoch, Tür öffnen und erst dann zu schnaufen beginnen. Vor einem Zug zu stehen (heute) und den Türknopf zwar bedienen zu können, aber ohne Wirkung, und dann zuschauen zu müssen, wie die Waggons sich an mir vorbei bewegen, hilflos (heute), ist seit dem Erlebnis vor einem Jahr eine Horrorvision für mich. Früher – das im Gegensatz zum „heute“ – konnte man aufspringen, die Tür öffnen, sich setzen. Als Jugendliche jedenfalls, fraglich, bis zu welchem Alter das möglich gewesen wäre, gäbe es heute noch diese Züge – aber das ist ja das Schöne an Erinnerungen, sie zeigen einen so mobil, wie man einmal war.

Keine Wiederholung also und das zweite Umsteigen echt entspannt. Zielbahnhof Leipzig Messe. Die Straßenbahnen stehen noch, es ist kurz nach neun und ziemlich frisch.

Ich bin froh über meinen Presseausweis, mit dem ich nicht nur kostenfrei hinein darf, sondern auch eine halbe Stunde früher als die anderen Besucher.

Es kann losgehen.

Ich habe nur zwei Termine und ein paar geplante Recherchen zu Literaturzeitschriften, schließlich wollen wir als Verband selbst eine herausgeben. So viele Beutel wie früher benötige ich nicht, die Zeitungs-, Zeitschriften- und Buchproduzenten sind längst nicht mehr so freigiebig.

Der erste Termin ist ein Gespräch mit der Verlegerin zu meinem dritten Roman, der demnächst erscheinen soll. Ein kleiner Verlag am anderen Ende des Landes, so erscheint es mir manchmal, aber über die Jahre haben wir uns etwas kennengelernt und wissen, dass wir reden können. Eine gute Grundlage.

Anschließen sollen Gespräche in unserer geliebten Oase auf dem Messegelände stattfinden, im Café Wien. Der zweite Termin verläuft jedoch nicht so erfolgreich wie der erste: das Café Wien gibt es in diesem Jahr nicht. Dabei ist Österreich doch Gastland der Leipziger Buchmesse 2023 und mit so vielen Ständen dort vertreten, dass ich auch etliche Fragen zu Literaturzeitschriften losgeworden bin.

Das Café Europa hat geöffnet, in Ordnung, dann schwatzen wir eben dort. Und treffen andere und sehen andere und drängeln uns durch die Gänge, bis es zu dem kleinen Dialog kommt zwischen meiner Freundin und mir und ich froh bin, dass ich zum Zug gehen muss.

Draußen hat die Sonne ganze Arbeit geleistet. Es ist warm wie in den Messehallen, aber die Wege sind leer, die Luft ist klar und ich freue mich, hier gewesen zu sein. Bis zum nächsten Jahr! Dann wieder Mitte März und vielleicht mit eigenen Lesungen.

Unter Schriftstellerinnen

Unter Schriftstellerinnen
23. März 2023

Das verlängerte Weiterbildungswochenende hat Tradition, länger, als ich sie bisher nutzen konnte und durfte. Jeweils in der Vorwoche der Leipziger Buchmesse. Früher jedenfalls, die letzten Jahre haben das ein wenig durcheinander gewürfelt. Im kommenden Jahr wird es hoffentlich wieder so sein, in diesem liegen zwischen der Weiterbildung des Verbandes und der LBM fast sechs Wochen.

Es gibt jeweils ein Thema, dem sich die Vorträge, Workshops und Lesungen widmen, in diesem Jahr war es die Oder. Passend zum Thema der Literaturzeitschrift, die gerade geplant wird. Schon zuvor fühlten wir uns recht sicher, ausreichend Texte für eine erste Ausgabe akquirieren zu können – nach diesem Wochenende fürchten wir, dass die Zeitung aus allen Nähten platzen wird. Da sind die gelungenen Texte aus der Werkstatt, der besondere Vortrag einer polnischen Germanistikprofessorin, ihre eigene Geschichte. Hinzu kommen zwei engagierte Autorinnen und Interviewer, die pointierte Geschichten sammeln und veröffentlichen. Ich hatte mich auf den Austausch, auf das Wiedersehen sehr gefreut, meistens sitzt man und frau ja doch allein zu Hause. Das Ergebnis dessen, was geboten wurde und was mich tief beeindruckte, ahnte ich keineswegs. Umso erfüllter fuhr ich zurück. Im Gepäck nicht nur interessante Gespräche mit Kolleginnen, sondern viele neue Begegnungen und eine Fülle an Ideen. Die Nächte waren zu kurz, nicht wegen der kurzen Abstecher in die kleine Kneipe am Abend, sondern, weil mein Kopf Mühe hatte, alles zu verarbeiten. Schon vor um vier Uhr früh sangen die Amseln, ein Morgenspaziergang am See erfrischte auch ohne dazugehöriges Bad, die Kaffeemaschine oder doch eher die ausgewählten Getränke bildeten das Sahnehäubchen. Ein rundum gut organisiertes und erfolgreiches Wochenende wird nachwirken und den Alltag farbenfroh gestalten, wie es die riesige Fläche mit blühenden Krokussen vor dem kleinen Haus auf dem Hinweg prophezeite.

Elster an der Mühle

Elster an der Mühle
02. März 2023

Vorweg: ich habe an diesem Präsenz-Wochenende Enten, Gänse, Reiher, Amseln, Spatzen und einen Eichelhäher sehen können, aber keine Elster.

Vermutlich war ich mit meinen Gedanken zu tief im Text. Das jedenfalls war nach langer Zeit des einsamen Schreibens zu Hause wieder eine viel Adrenalin produzierende Erfahrung, die mich noch Tage später trägt. Die Füße auf feuchten Wegen am Deich entlang, den Kopf in der Geschichte, überwiegend, denn die laute Musik der Karnevalisten schob sich mit dem Wind von hinten an mich heran. Blies zurück von vorn, die Sonne wagte sich nur für Augenblicke aus der Deckung aus grauen Wolken, zauberte Spiegelbilder und wärmte Mitte Februar wie im März. Schreiben, laufen, schreiben, reden. Wieder laufen oder schreiben, dazwischen ein Vier-Sterne-Menü, Kaminfeuer und Stöbern in der besonderen Bibliothek. Schade, dafür reichte die Zeit bei Weitem nicht. Ein Grund mehr, wieder zu kommen. Die Möglichkeiten erscheinen mir endlos. Der Hof mit all seinen Nischen, zwischen Zwerghühnern und Kaninchen, fernab des Ortslärms. Oder draußen im Café zu sitzen, zwischen denjenigen, die tatsächlich nur einen Ausflug machen. Oder sich einen Schreibplatz zu suchen, der aus dicken Stämmen und selbst gezimmerten Tischplatten besteht. Oder sich am Ufer unter einer Weide zu verstecken. Den Laptop am Rastplatz beim Angelteich zu nutzen oder sich gleich auf die Holzbrücke zu setzen. Um doch noch eine Elster zu entdecken und vielleicht sogar den Eisvogel zu sehen.

„dranbleiben“

„dranbleiben“
15. Februar 2023

Ein wunderbares Motto, um an einem längeren Text zu arbeiten.

Seit Jahresbeginn bin ich wieder in einer Gruppe, drei Frauen, die im dreiwöchigen Abstand ihre Texte diskutieren und zwischendurch fleißig schreiben. Am Wochenende steht das Präsenz-Seminar an, drei Tage in einer rekonstruierten Mühle, ich bin gespannt. Vor allem freue ich mich auf die Auszeit und den Austausch. Schreiben ist doch ein sehr einsames Geschäft. Gerade, wenn man ein neues Projekt beginnt und noch nicht so genau weiß, wohin die Reise gehen soll, ist der Dialog mit Gleichgesinnten eine große Hilfe. Für mich, denn ich zähle eher zu den „Bauchschreiberinnen“. Ich bewundere und beneide Kolleginnen, die vorab Kapitel festzurren und Dramaturgie-Kurven aufzeichnen können. Ich denke dann, sie haben es leichter, das stimmt oft, aber auch nicht in jedem Fall. Ich habe einige Male probiert, mir eine Zeitschiene zu basteln, Überschriften formuliert, die das beinhalten (oder vorgeben), was im nachstehenden Kapitel passieren soll. Es hat auch schon geklappt, aber meistens schreibe ich einfach so weiter. Ob das gut oder schlecht ist, kann mich dabei gar nicht interessieren, weil das Festhalten an Vorgegebenem für mich wie eine Schranke ist. Ich stehe davor und kann sie nicht öffnen. Nur einen Umweg machen, quer über die Schienen gar, das ist nicht nur im realen Leben eine gewagte Sache.

Also keine detaillierte Planung, nur Skizzen, Stichworte, der große Bogen, an denen ich mich entlanghangele. Bevor man nicht achtzig oder gar einhundert Seiten geschrieben hat, so wurde es mir schon gesagt, wisse man nicht, ob überhaupt ein Roman daraus werden könne. Habe ich auch schon selbst erfahren. Eine Achtzig-Seiten-Geschichte verfasst, die nicht endete, sondern einfach aufhörte. Monate und Jahre in der Schublade schmorte, bevor eine Zehn-Seiten-Kurzgeschichte daraus wurde, die veröffentlicht worden ist. Immerhin.

„dranbleiben“ bedeutet vor allem dies: dranzubleiben, weiterzuschreiben, und aus den Anregungen der anderen Mut zu ziehen, um den Text weiter zu verfolgen. Das reizt mich an dieser Weiterbildung am meisten. Ob das irgendwann publiziert werden wird, steht in den Sternen oder nicht einmal dort, die Freude am Formulieren, am morgendlichen Tippen, am Sammeln von Ideen steht im Vordergrund. Alles andere kommt später.

Romanwerkstatt 2023

Romanwerkstatt 2023
25. Januar 2023

Die Romanwerkstatt hat begonnen. Jeden Tag sitze ich am frühen Morgen und schreibe. Ein wunderbares Gefühl! Und ergiebiger als zu anderen Tageszeiten. Später prasseln die Emails, die Anrufe, der ganz normale Alltag in die Stunden und ich bin zufrieden, schon etwas zu Papier gebracht zu haben.

Die Milchmädchenrechnung schießt immer wieder in meinen Kopf, dabei ist es eben nur ein sehr naiver Überschlag: bei einer Seite täglich habe ich in 365 Tagen ein Buch geschrieben. Klingt zu schön, um wahr zu sein, ist auch vollkommen unrealistisch. Nicht die eine Seite, die überbiete ich gern und oft, aber das Aufschreiben ist nur ein Teil der Arbeit. Der schönste, das auf jeden Fall. Zu überarbeiten ist anstrengender, als die Worte fließen zu lassen. Ich bin gefordert, Strukturen zu entwickeln und vor allem nachher auch einzuhalten, einen Spannungsbogen ernst zu nehmen. All die überflüssigen Füllwörter zu tilgen, wird der Abschluss werden. Aber noch bin ich ganz am Anfang. Der Text wächst, ich weiß noch nicht ganz genau, wohin die Reise gehen wird. Das mag ich, das hilft mir, engt meine Gedanken nicht ein.

Wenn ich am späteren Tag laufe, denke ich über das Geschriebene nach, formuliere neue Sätze, die ich mir nicht merken werde, aber das ist unwichtig. Das Gefühl, dass es weitergehen kann, beflügelt mich. Dass ich erfahrene und wohlgesinnte Autorinnen an meiner Seite weiß, bestärkt mich darin, zu experimentieren, dass ich ihnen etwas zurückgebe, weil ich mich auf ihre Texte einlasse, rundet die Romanwerkstatt für mich ab.

Es wird in den nächsten 340 Tagen nicht so weitergehen, leider, denke ich, aber das Leben schreibt eigene Gesetze. Es bleibt ein guter Start. Und was ich daraus machen werde, ist meine Entscheidung.

Weihnachten

Weihnachten
7. Dezember 2022

Im Dezember habe ich noch nie viel geschrieben. Für diesen Monat nehme ich auch kein Stipendium an – bzw. bewerbe ich mich nicht. Die Weihnachtswochen gehören der Familie – und dem Plätzchen backen.

Das war in diesem Jahr eine besondere Herausforderung. Bis zum letzten Dezember hatte ich es mir vergleichsweise leicht gemacht und fertigen Plätzchenteig beim Bäcker gekauft. Zu Hause hieß es dann nur noch: ausrollen, ausstechen, backen, verzieren. Einpacken, verschicken, oder selbst essen.

Im letzten November, als an die Preissteigerungen dieses Jahres noch nicht zu denken gewesen war, gab es gleich zwei. Innerhalb von zehn Tagen. Ich wollte ein Kilogramm nachkaufen und stand sprachlos vor der Verkäuferin. Mein Entschluss war gefasst: dort kaufe ich zukünftig nicht mehr ein. Inzwischen kostet der Teig vermutlich das Doppelte, ich habe nicht nachgefragt. Die Filiale ist geschlossen worden (nicht wegen mir), aber das Haus steht noch, und jedes Mal, wenn ich daran vorbeilaufe, denke ich an den Teig. Daran, wie viele Jahre (Jahrzehnte!) ich dem Bäcker die Treue gehalten habe, daran, wie ungerecht behandelt ich mich nun fühle. Vom Preisanstieg und von der Schließung.

Das Internet musste durchforstet werden, alte Backbücher wurden gewälzt, Zutaten gekauft (auch das eine Herausforderung). Ich sammelte Rezepte und probierte. Manchmal ließ sich der Teig nicht ausstechen, sondern nur mit einem Spatel auf dem Blech verteilen, manchmal gingen die Herzen so sehr auf, dass ich beim Zugucken schon ahnte, wie trocken sie nachher werden würden, manchmal musste ich Natron und Hirschhornsalz in separaten Schälchen auflösen und stand vor vier oder fünf Schüsseln, nur für eine Sorte Lebkuchen. Glücklicherweise gibt es viele Menschen, die selbstgebackene Plätzchen zu schätzen wissen und den Geschmack loben, wahrscheinlich einfach, weil es selbstgebackene Plätzchen sind. Neben einem Vierzig-Stunden-Brotjob könnte ich das auch nicht schaffen, die Selbständigkeit hat eben gute Seiten.

Inzwischen haben sich einige Rezepte herauskristallisiert, die mir zusagen (und nur das lasse ich gelten), andere landeten im Papierkorb. Schade um Blätter und Druckertinte.

Die Vorarbeit ist geleistet. Im nächsten Jahr wird es einfacher werden. Schmackhafter hoffentlich auch.

Und ganz nebenbei habe ich sogar noch einen kleinen Text fabriziert. Frohe Weihnachten!

Inspiration

Inspiration
25. November 2022

Der Alltag bremste mich aus, wie eben meistens, wenn ich zu Hause war. Ich hatte Lust zu schreiben, hunderte von Ideen im Kopf, etliches notiert, ich konsumierte Bücher wie andere Kaffee oder Rotwein. Ich wollte schreiben, ich nahm mir die Zeit dafür, aber ich konnte mich nicht entscheiden, an welchen Text ich mich setzen sollte.

Ein neues Projekt soll vom kommenden Januar an in der Romanwerkstatt behandelt werden. Ich könnte bis dahin viel Text produzieren, aber ich möchte es hinausschieben bis zum ersten Gruppentreffen, das Konzept ist noch vage und ich freue mich auf die Anregungen der anderen. Zu einem schon lange auf Überarbeitung wartenden empfinde ich noch immer zu wenig Abstand, außerdem verlangt das Manuskript eine intensive Beschäftigung über mindestens zwei oder drei Wochen, und so viel Zeit bleibt dann doch nicht.

Also blätterte ich online durch die aktuellen Ausschreibungen.

Vor Jahren habe ich mich regelmäßig um Wettbewerbe gekümmert, schrieb dafür oder schrieb Vorhandenes um – ich brauchte Veröffentlichungen für meine Vita, für Bewerbungen, Verlage. Ich erreichte selten das Finale, was nicht zuletzt daran liegen mag, dass mir Kurzgeschichten nicht so liegen. Ich fürchte jedes Mal, die Figuren, für die ich keine langen Geschichten erfinden kann, würden hölzern, oder ich würde abschweifen, weil ich das gern tue. Und in längeren Texten auch darf.

Dieses Mal – vielleicht sogar, weil ich diesen Blog begonnen habe und mich seit einiger Zeit darauf konzentriere, kurze Texte zu verfassen – sprachen mich gleich mehrere Ausschreibungen an. Dazu war meine Erwartungshaltung eine vollkommen neue. Ich erwartete gar nichts. Von den Juroren. Von mir schon: Freude am Formulieren.

Preise würde ich selbstverständlich trotzdem gern annehmen. Aber ohne diesen Druck zu schreiben, etwas für die Vita zu produzieren, befreite mich. Die Ideen sprudelten, die Sätze flossen, ich kam mit dem Tippen kaum hinterher.

Das werde ich demnächst öfter probieren. Zumal ich aus Erfahrung weiß, dass mit dem Abschluss einer Kurzgeschichte das Nachdenken über die Figuren, die Orte und das Erlebte erst beginnt. Und einfließen kann in längere Texte.

Schreiben zu Hause

Schreiben zu Hause
8. November 2022

Mein großes Glück mit Stipendien in Künstlerhäusern schlug sich in intensiver Schreibarbeit während der Aufenthalte nieder – und darin, zu Hause nur selten soviel Text zu produzieren.

Zuhause zu sein bedeutete Familie, Alltag. Ablenkungen und Unterbrechungen. Ob durch den Briefträger, der irgendwann mitbekommen hatte, das ich fast immer zu Hause war (bis mein Mann einen An-Aus-Schalter an das Haustelefon montierte), durch Bekannte, die mich anriefen oder penetrant agierende Werbe- und Umfragefirmen (bis ich entdeckte, dass ich auch das Festnetztelefon „stumm“ schalten konnte), durch die ganz normale Hausarbeit, die nie endet und zum Verschieben des Schreibens geradezu einlud. War ich unterwegs, schrieb ich permanent, ob nun im Kopf oder im Heft, auf dem Laptop, war ich zu Hause, kochte, buk oder putzte ich so lange, bis ich unzufrieden wurde. Manchmal dauerte es nur Tage, manchmal Wochen, aber der Drang, etwas Literarisches zu Papier zu bringen, kam. Darauf konnte ich mich verlassen.

Das Zuhausebleiben-Müssen änderte das. Ich konnte oder wollte nicht verreisen, schrieb keine Bewerbungen, verkroch mich. Nach den ersten Wochen und sogar Monaten, in denen ich stundenlang auf steigende Kurven und Zahlen gestarrt hatte, unfähig, mich überhaupt auf den Alltag konzentrieren zu können, fuhr ich im Auto in eine Nachbarstadt. Wie wunderschön der Himmel war, die Wiesen, die Waldgrenzen, die Vögel und das blaue Flussband! Die Welt war noch da, schöner als in der Erinnerung. Schöner als erwartet. Ich begann mit kleinen Texten, die Kurven oder Zahlen nicht einmal streiften. Mir fehlten die wöchentlichen Begegnungen, das Schauen und Beobachten von Menschen, das unweigerlich in meine Texte eingeflossen war, jahrelang. Aber ich hatte mehr abgespeichert als vermutet. Ich war nun einmal zu Hause, daran würde sich so schnell nichts ändern, und ohne zu schreiben konnte ich auch nicht sein. Ich räumte meine Schreibtische auf und um und setzte mich zwischendurch mit dem Laptop auf das große Bett. Ich schrieb. Es gab Online-Seminare, ich sollte und wollte neuen Text produzieren, mein begonnenes Projekt fortsetzen. In jenem ersten Sommer schrieb ich mehr als je zuvor. Der Austausch beflügelte mich, und irgendwann glaubte ich tatsächlich daran, überall schreiben zu können. Nicht nur in der Bahn oder im Flugzeug oder in Künstlerhäusern, sondern auch am See, auf einer Bank und eben zu Hause. Es war eine wunderbare Erfahrung.

Nun war ich von einem Aufenthalt zurückgekehrt und es begann wie immer. Ich räumte und buk und kochte und kämpfte gegen den Staub, der vier Wochen lang Zeit gehabt hatte, sich in allen Ritzen breitzumachen. Ich sortierte Fotos, kümmerte mich um Weihnachtsgeschenke, besuchte eine Lesung meiner Freundin. Und schon war sie wieder geweckt, die Freude am Schreiben. Zu Hause. Etwas anderes ist erst einmal nicht geplant und auch nicht in Sicht, es gibt sie immer noch, die Zahlen und Kurven. Sie ängstigen mich, aber sie blockieren mich nicht mehr. Während des langen Sommers in der Großstadt und der vier Wochen in Norditalien konnte ich schauen und beobachten und sammeln. Daraus kann ich jetzt schöpfen und ich freue mich darauf.

Schreibblockade

Schreibblockade
8. November 2022

Es ist das Damoklesschwert, das über uns hängt, über all jenen, die Worte zu Papier bringen wollen. Ich hatte bisher sehr großes Glück. Es gab nur einen Fall, der mich nicht nur lähmte, sondern zu zerschmettern drohte, und der geschah ausgerechnet in einem Weiterbildungsseminar, das mir helfen sollte. Ich war mit einem Textauszug angetreten zu meinem zweiten Romanprojekt, das schließlich als erstes veröffentlicht werden sollte, und die Dozenten waren sich einig: So geht das nicht. Das wird nichts.

Ich hatte gespürt, dass etwas nicht stimmte im Text, konnte es jedoch nicht benennen. Deshalb war ich schließlich in die Werkstatt gefahren. Ich hatte auf konstruktive Kritik gehofft und ein paar Ratschläge, die mir weiterhelfen würden. Stattdessen gab es die niederschmetternde Aussage, gepaart mit dem Satz: Fang eine andere Geschichte an.

Nein, wollte ich nicht. Ich wollte genau diese Geschichte erzählen.

Ich fuhr sehr entmutigt zurück und ich gab mir wirklich alle Mühe, weiterzuschreiben. Es funktionierte nicht. Nicht ein Satz wollte mir gelingen, ich dachte und fürchtete, nie wieder etwas „Ordentliches“ zu Papier bringen zu können. Ich dachte ernsthaft darüber nach, das alles zu lassen, stattdessen Stricken zu lernen oder eine Fremdsprache.

Die Gruppe der Teilnehmerinnen holte mich aus dem Loch. Wir waren nicht zufällig in diesem Kurs gewesen, aber die Zusammensetzung hatte ich schließlich nicht geplant, ich kannte nur zwei oder drei aus vorherigen Seminaren, eigentlich eher ihre Texte als sie selbst. Sie fragten mich in Emails: Wie kommst du klar, hast du weitergeschrieben, du kannst mir gern etwas schicken.

Ich schickte meine Verzweiflung hinaus in die Welt. Und erhielt Mut zurück. Das war meine Rettung.

Ich änderte die Perspektive, setzte irgendwo mitten im Manuskript an, verfasste die Szene neu und sandte sie herum. Der Knoten hatte sich gelöst, ich nahm die Anregungen und Hinweise an und schrieb weiter, bis der gesamte Text neu geschrieben war und tatsächlich irgendwann eine Lektorin so überzeugte, dass sie unbedingt ein Buch daraus machen wollte: mein Debut.

Allein wäre ich verzweifelt und wer weiß, ob meine gestrickten Handschuhe jemanden so hätten erfreuen können, wie es mein erster Roman bis heute tut. Dankeschön.

Suche nach Gleichgesinnten

Suche nach Gleichgesinnten
19. Oktober 2022

Ich möchte zuerst auf einige Schreibgruppen eingehen, die mich begleitet haben. Nähere Auskünfte gern über das Kontaktformular.

Brandenburger Autorengruppe

Eine Gruppe älterer Schreibender, überwiegend bezeichneten sie sich selbst als Hobby-Schreiber. Die meisten wohnten tatsächlich in der Stadt Brandenburg, weshalb Brandenburger Autorengruppe korrekt war – es war keine Brandenburgische. An Jahren und an Erfahrung blieb ich lange Zeit das jüngste Mitglied – und wohnte außerhalb.

Später kamen noch jüngere Autorinnen, schauten, gingen, kamen. Gemeinsam organisierten wir zwei Lesungen pro Jahr, zu denen oft etwa fünfzig Gäste kamen – wenn auch zahlreiche Angehörige darunter waren. Die Presse nahm uns wahr, wir erstellten Anthologien, die wir mit Fördermitteln drucken lassen konnten. Wir organisierten zehn Jahre lang einen Literaturwettbewerb für Fünftklässler, landkreisweit. Mit einem jeweils abschließenden Kinderliteraturfest. Alles ehrenamtlich und mit sehr viel Freude.

Die Jungen gingen irgendwann wieder, neue Ideen hatten es schwer, neue Texte auch. Ein Kern an Gründungsmitgliedern blieb.

Auch ich suchte etwas Neues. Die Treffen und Gespräche in dieser Gruppe haben mir sehr geholfen. Mich ermutigt, weiterzuziehen, mir Mitstreiter zu suchen, die das Schreiben ernst nahmen und lernen wollten.

Litmatsch in Potsdam

Nach Potsdam und noch dazu in dieses Stadtrandgebiet zu gelangen, ist logistisch eine zeitraubende Angelegenheit. Ich brauchte zwei Stunden für die Anreise, hörte eineinhalb Stunden zu oder trug selbst etwas vor, fuhr zwei Stunden zurück – wenn es gut lief und die Züge pünktlich waren.

Obwohl viele der Autorinnen, die sich dort trafen, von der großartigen Zeit „davor“ schwärmten und noch besseren Lehrern, halfen mir die Gespräche und Textbesprechungen sehr. Eine Weile nutzte ich deshalb diese Gruppe – bis sie sich schleichend veränderte. Jüngere Autorinnen kamen und gingen, wurden hofiert und verschwanden, wollten die Leitung übernehmen und änderten Ablauf und – aus meiner Sicht – Qualität. Irgendwann stellte sich für mich die Frage, ob es den Aufwand lohne. Ich suchte nach Gruppen in Berlin, zu denen ich schneller gelangen konnte als in die Landeshauptstadt, was ich bedauerte.

Berlin

In Berlin gibt es zahlreiche Schreib-Gruppen oder Vereine, denen man sich anschließen kann, ich probierte zwei davon aus. Eine bestand aus Frauen, die sich im oberen Raum einer Kneipe trafen – ich lernte viel. Dramaturgie, Stil, Sprachliches. Irgendwann organisierten wir eine Lesung. Und dann – ich habe die Einzelheiten tatsächlich vergessen – zerbrach die Gruppe. Es gab einen Rest, der sich weiterhin traf, aber die Luft war raus. Für mich. Die literarische Qualität in dieser Gruppe war beeindruckend, es dauerte Jahre, ehe ich Ähnliches fand.

Parallel hatte ich begonnen, regelmäßig stattfindende Schreibwerkstätten eines Vereins zu besuchen. Auch hier gab es qualitativ hochwertige Literatur. Austausch. Diskussion. Lesungen. Eine Anthologie. Gute Gespräche am Rande und konstruktive Kritik – davon allerdings manchmal zu wenig oder überschattet von Meinungsäußerungen, die die Person betrafen und nicht den Text. Zudem stellte ich fest, dass Romanauszüge fast immer negative Kritik ernteten, ausschließlich deshalb, weil es Auszüge waren und keine abgeschlossenen Texte. Kurzgeschichten ließen sich besser einordnen, aber die schrieb ich selten. Man durfte zwanzig Minuten lang Text vortragen, also etwa zehn Seiten. Mir war das schließlich zu wenig. Ich stellte mir vor, in einer Gruppe an einem ganzen Roman zu arbeiten. Das ließ sich hier nicht realisieren.

Das Auseinanderbrechen der Gruppe nahm mir die Entscheidung ab. Ich kannte die Akteure zu wenig, um mich positionieren zu können, wollte es auch nicht.

Das Schriftstellerhaus

Ich weiß nicht mehr, wo ich die Postkarte mit der Werbung für das Schriftstellerhaus zum ersten Mal sah. Berlin, Gruppenarbeit, Romanschreiben. Es klang nicht nur perfekt, es wurde tatsächlich so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Natürlich musste ich mich auch mit drei anderen Romanentwürfen beschäftigen, aber ich hatte schon oft bei der Besprechung fremder Texte für meine etwas lernen können – und es waren alles hochwertige Texte, sprachlich, dramaturgisch, stilistisch.

Ich hatte eine Heimat gefunden.

Drei Jahre lang blieb ich in unterschiedlichen Kleinstgruppen unter der beeindruckenden fachlichen wie respektvollen Leitung und schrieb. Präsent und online, beides funktionierte.

Inzwischen ist das Schriftstellerhaus umgezogen. Es bietet weiterhin einen Platz zum Romanschreiben, in einer Mischung aus Präsenz und Onlinekurs, und ich überlege schon wieder, mich dort zu bewerben.