• Das Buch in den eigenen Händen halten

    17. Januar 2024

    … ist auch beim dritten Roman etwas sehr Besonderes. Ich riss die Verpackung auf wie ein Westpaket – und es war schließlich auch eines, aus dem Südwesten der Republik. Schutzfolie abtrennen, aufschlagen, lesen. Das habe ich geschrieben. Es ist gedruckt worden. Mein Buch.

    Die ersten Exemplare signieren – für meine Familie. Das Buch zeigen, mich weiter freuen.
    Noch fehlt mir der Mut, es im Ganzen noch einmal zu lesen, ich fürchte das Auffinden der Tippfehler, die ich übersehen habe. Es sind welche drin, das steht fest.
    Das ist so sicher wie das Auffinden von Fehlern in fremden Büchern. War das früher tatsächlich anders oder nur in meiner Erinnerung? In den alten Ausgaben von Christa Wolf habe ich nie einen Tippfehler gefunden – auch kein an falscher Stelle stehendes Trennungszeichen am Zeilenende. In den neueren Ausgaben schon. Wenige, damit werde ich mich nicht messen können, aber es gibt sie. Weil es weniger Lektoren und Korrektoren gibt, vermutlich, die sich das Werk anschauen. Weil ich nicht Christa Wolf bin, das auch. Es ist ein wenig traurig, aber davon möchte ich mir gerade nicht die gute Laune vertreiben lassen. Mein Buch ist da und ich liebe es.


    Ich kann es kaum erwarten, das Buch präsentieren zu dürfen, Menschen, die zu meinen Lesungen kommen werden. Die schon anderes von mir gelesen haben und mir schreiben, dass sie sich auf das neue Werk freuen. Wird es der Erwartung standhalten können?
    Der Zweifel wird wohl nie verschwinden.
    Ich habe alles gegeben, was möglich war, in den letzten Monaten und all den Jahren davor. Der Roman ist so gut, wie er gerade sein kann. Ich streiche über den Umschlag und habe mich mit dem Hut versöhnt, den ich zuerst nicht auf dem Cover haben wollte.
    Das Buch ist dicker als ich dachte, nun gut, es umfasst auch mehr Seiten als „Paule“ oder „Rot ist schön“. Kaum noch zu glauben für mich, dass es einmal mehr als 800 Seiten gewesen sind, das wäre doppelt so viel wie jetzt. Das wäre im wahrsten Sinne eine schwere Lektüre geworden. 400 Seiten sind genug und ich freue mich auf die Leser. Und alle Frauen natürlich auch.

  • Vorfreude ist die schönste Freude

    5. Dezember 2023

    Das gilt nicht nur vor Weihnachten, obwohl es in diesem Jahr für mich so passt. Und geteilte Freude ist doppelte Freude.

    Das macht mir gerade am meisten Spaß: anderen vom bevorstehenden Erscheinen meines Romans „Greta“ zu berichten und die Freude darüber mit ihnen zu teilen.

    Einige Emails kommen leider zurück – zu lange ist es her, dass ich mit dem Text begonnen habe, zu viele Jahre sind seit den Recherchen vergangen. Bei anderen wiederum ist die Erinnerung an mich präsent. Ich bekomme sogar Fotos zurückgeschickt und leichte Entrüstung: sie haben mich doch nicht vergessen! Alle freuen sich mit mir und diese zurückgegebene Freude lässt meine sich nicht nur verdoppeln wie in besagtem Sprichwort, sondern verzehnfachen. Mindestens.

    Ich laufe jetzt schon wie auf Wolken, dabei habe ich erstens das Buch noch gar nicht in der Hand und zweitens ist das ziemlich gefährlich, weil die Wege draußen wahre Rutschbahnen sind. Winter halt. Wenigstens zwischen dem ersten und zweiten Advent, für das Wetter sind drei Wochen bis zum Fest eine lange Zeit. Schneemänner säumen die Rasenflächen, Schneebälle fliegen, das Juchzen klingt hell und laut aus den Kinderkehlen. Ich möchte am liebsten mitjuchzen, singen, tanzen. Selbst das Grau, das nach dem „Pieselschnee“ das Licht des Tages dimmt, kann mich nicht davon abhalten, fröhlich zu sein. Auch nicht die erwartete Email, der ausstehende Anruf, der Räumlichkeiten verspricht für die Premierenlesung, in diesen Tagen denke ich: alles wird sich fügen. Die anderen Stunden, die, in denen mich das Grau vor dem Fenster niederdrückt, werden auch wieder kommen, aber das kann ich gerade sehr gut fortschieben.

    Ich genieße die Vorfreude.

  • Rien ne va plus

    12. November 2023

    Nichts geht mehr – so fühlte ich mich, als ich das Manuskript nach dem erneuten Lektorat endlich abgeschickt habe. Dabei stehen die Druckfahnen noch aus. Kleine Dinge kann ich auch dann noch beheben. Größere, wie das Umstellen von Sätzen oder gar Absätzen, nicht mehr. Das ist auch gut so, es muss ja irgendwann Schluss sein mit der Überarbeitung. Ein schales Gefühl bleibt dennoch. Was, wenn ich etwas ganz Wichtiges übersehen habe?

    Habe ich nicht. Ich habe das gesamte Manuskript einmal selbst eingelesen und abgehört und mir einmal vom Computer vorlesen lassen. Ich habe konzentriert gearbeitet, mir jede Seite des umfangreichen Recherchematerials noch einmal angesehen, all die Bilddateien aufgerufen, die mir Dank des Inhalts einer schwarzen Epoche Alpträume bescherten. Ich habe getan, was ich tun konnte. Das sage ich mir vor, wesentlich leichter wird mir damit allerdings auch nicht.

    Das Vorlesen lassen, mit einer monotonen Computerstimme, hat sehr geholfen. Der Computer liest über Tippfehler nicht einfach hinweg, wie ich es tat, sondern findet auch fehlende „s“, ein „r“ statt „t“, ohne das vorab zu unterkringeln. Weill es diese Wörter eben auch gibt und ein Rechtschreibprogramm keine Logik prüft.

    Diese neue Erfahrung – das Einlesen samt Abhören und das Laut-Vorlesen-lassen werde ich mir für kommende Texte auf jeden Fall merken. Bei diesem Manuskript habe ich das kapitelweise von Anfang an getan (das Aufsprechen), vielleicht, weil das Werk so umfangreich ist? Weil es voller Recherchematerial steckt? Ganz sicher, weil ich – beim lauten Einlesen oder spätestens beim Abhören – jedes Stolpern bemerke und dort einsetzen kann. Darüber nachdenken und passender formulieren, streichen oder umstellen.

    Die üblichen letzten Schritte mit dem Suchen nach Wortwiederholungen haben mich dieses Mal echt gefordert. Aber auch das ist Vergangenheit und die Änderungen sind hoffentlich gelungen. Nun heißt es abwarten. Länger als geplant. Der Erscheinungstermin vor Weihnachten ist leider nicht mehr zu halten. Das hat mich noch einmal aus der Bahn geworfen.

    Letztlich ist das Wichtigste für mich jedoch, dass der Roman erscheinen wird. Dann eben im eiskalten Winter (so es einen geben wird). „Eiseskalt“, wie Ieva sagte, ich stecke noch immer voller Romansätze und träume sogar mit ihnen. Das ist etwas Schönes, ich fühle mich aufgehoben darin, ich weiß, dass ich alles gegeben habe.

    Das Cover gefällt mir und lässt mich daran denken – „erwartungsschwanger,“ auch das ein Wort aus dem Roman – wie es sein wird, das fertige Buch in den Händen zu halten. Ich freue mich darauf. Und einen neuen Raum für die Premierenlesung werde ich auch noch finden.

  • Es dauert solange, wie es dauert

    12. Oktober 2023

    Das Lektorat kann eine sehr langwierige Sache werden. Zumal, wenn die Lektorin, an die man sich gerade erst zu gewöhnen beginnt, von einem Tag zum nächsten nicht mehr da ist. Der Verlag zwischendrin auch noch umzieht und es gefühlte Wochen dauert, bis eine neue Lektorin sich vorstellt. An die man sich auch erst einmal wieder gewöhnen muss. Will, selbstverständlich. Die grauen oder weißen Haare sprießen, es hilft nicht. Geduld gehörte noch nie zu meinen Stärken. Aber die ist von Nöten, bitter von Nöten. Mit dem Verlag, der Lektorin und nicht zuletzt mit mir selbst. Es dauert solange, wie es dauert, sagte eine alte Frau gern, das könnte Greta gewesen sein oder eine ihrer zahlreichen Vorbilder in der Realität. Da beißt die Maus keinen Faden ab. Die genutzten Sprichwörter schwirren in meinem Kopf herum, nachts wache ich auf und denke ausnahmsweise nicht an Schmerzen, sondern an Formulierungen, die noch eleganter sein könnten, literarischer. Ein hehres Ziel, schwer zu erreichen. Aber es wird. Jeden Tag ein bisschen besser.

    Der vertraglich zugesicherte Erscheinungstermin für meinen neuen Roman ist längst vorbei, es gibt einen neuen und sogar schon einen Termin für die Premiere. Hoffentlich kann der gehalten werden!

    Das Buch wäre sozusagen mein Weihnachtsgeschenk. Das Fest liegt angesichts der allerorten angebotenen Hohlfiguren und Christstollen gar nicht mehr weit entfernt. Also muss ich mich sputen und gleichzeitig zur Langsamkeit ermahnen. Satz für Satz will noch einmal konzentriert gelesen werden, geprüft. Anmerkungen der neuen Lektorin überdacht, das allein dauert manchmal zwei Tage, weil ich mich von brüsker Ablehnung erst zu Einsicht und dann zu Veränderung bewege. Oft hat sie Recht, „kill your darlings“ – leicht ist es selten. Wenigstens das Wetter spielt mit: bei pladderndem Regen laufe ich lieber durch die Wohnung und setze mich wieder, lege einen Moment die Beine hoch, denke nach. Keine Einkäufe oder Hundebesitzer lenken mich ab. Ich kann am späten Nachmittag hinausgehen, von mir aufgesprochene Kapitel im Handy-Kopfhörer und weiterarbeiten. Bis alles so geworden ist, wie ich es gerade schaffe. Bis ich zufrieden bin. Und sogar schon ein wenig Vorfreude spüren kann.

  • Beim ersten Mal war alles ganz sicher anders.

    22. Juli 2023

    Dieser Satz könnte über fast allem stehen. Und er muss gar nicht stimmen. Verdrängt oder vergessen – unwichtig. Tatsache ist, dass mich das Lektorat gerade sehr fordert.

    Es geht um den dritten Roman, den mit dem längsten Manuskript. Unter anderem muss gestrafft werden. Dabei habe ich das schon vor Jahren getan. Ursprünglich waren es knapp achthundert Seiten, davon habe ich etwa dreihundert gestrichen. Gestrichen ist nicht gleichbedeutend mit gestrafft, aber immerhin. Einschließlich der sehr umfangreichen Nachforschungen und Reisen von einem Archiv zum nächsten hat das gedruckte Buch bereits elf Jahre auf dem Buckel, wenn es im Herbst erscheint. Was selbstverständlich nicht auf dem Buchrücken stehen wird.

    So viel Recherche verleitet dazu, dann auch ALLES verwenden zu wollen. „Kill your darlings“ gilt nicht nur für Adjektive.

    Das sagt sich leicht, ist aber schwer getan. Ich habe mich jahrelang durch eingestaubte Akten gewühlt, mir stundenlanges Sitzen vor Microfiches-Lesegeräten angetan, samt des körperlichen Unwohlseins wegen der Inhalte – das will doch verarbeitet werden!

    Will schon, muss eben nicht. Mir tut es leid um all das nicht verwendete Material. Mir ist aber auch klar, dass man Leser mit Informationen erschlagen kann. Und gestorben wird im Roman eh schon zu viel.

    Dazu die Crux mit den Zeitformen. Bei einer Figur, die sich dauernd erinnert, eine sehr wichtige Sache. Die mich dann und wann zur Verzweiflung bringt. Mir ist schließlich alles klar. Wer wann wo was tut und auch warum. Oder weshalb.

    Das Hocken am Rechner ist das Schlimmste. Schreiben kann ich auch im Kopf – beim Spazieren, Wandern, Schwimmen – überarbeiten nur sitzend. Nach viel zu kurzer Zeit ist mein Kopf zudem wie leergefegt. Die simpelsten Wörter fallen mir nicht mehr ein. Ich klicke auf „Synonyme“ und ahne bereits, dass das gesuchte Wort dort nicht zu finden sein wird.

    Um mich herum liegen einige der Materialien ausgebreitet, zur Sicherheit. Benötige ich einen Begriff, ein Datum, kann ich so schnell nachschlagen. Denkste. Das, was ich dringend brauche zum Abgleich des Textes, steckt in einem der anderen Ordner, Sammelmappen oder Kisten und garantiert nicht in dem Stapel, den ich bereit gelegt habe.

    An manchen Tagen habe ich das Gefühl, überhaupt nicht voranzukommen. Es gibt glücklicherweise auch die anderen. Die, an denen ich beinahe euphorisch den Text durchforste und mit sicherem Blick nicht nur Wortwiederholungen, sondern auch Unstimmigkeiten entdecke.

    Für gute und schlechte Tage ist ein Lektorat von großer Bedeutung. Jemanden zu haben, der nicht nur als Fremder den Text liest, sondern das Manuskript sehr genau unter seine Lupe nimmt. Selbst ist man immer betriebsblind. Dagegen kann man wenig tun.

    Das Manuskript lag zwischendurch immer mal wieder in der Schublade. Es hatte Zeit zu reifen und ich denke, das hat ihm gut getan. Ich lese ein Kapitel und stelle fest, dass es viel besser ist als ich es in Erinnerung habe. Da steht mittendrin eine neue Szene, eine bildhafte Erläuterung, die ich erst vor drei Jahren hineingeschrieben habe. Wunderbar. Diese Momente der Freude helfen mir. Sie ermuntern mich. Ich kann nicht sagen, die wievielte Überarbeitung es nun ist, aber es ist die letzte. Dann werden andere den Text in der Halt halten und er muss perfekt sein. So perfekt, wie ich es gerade kann. Ich bin dabei nicht allein. Für mich ist das Lektorat ein Lernprozess. Mag sein, dass ich dieses oder jenes schon einmal wusste, schon korrekt anwenden konnte. Eine Frage, eine Anmerkung, ein Gespräch helfen mir auf die Sprünge – mir und dem Text.

    Das ist gar nicht anders gewesen beim ersten Mal. Und ändert sich vermutlich nie.

  • LBM 2023

    27. April 2023

    Es ist hell morgens, dafür kalt wie Mitte März, dem jahrzehntelang üblichen Zeitrahmen der Leipziger Buchmesse. Einzig die blühenden Obstbäume, die kilometerlang Straßen und Fahrwege säumen, weisen auf das aktuelle Datum. Es ist Ende April und am Wochenende wird es wieder warm.

    Die Natur explodiert, wie in jedem Frühjahr, von einem zum anderen nehme ich es bewusster wahr, liegt wohl am Älterwerden.

    Am frühen Morgen im Zug zu sitzen ist ungewohnt, zwischen all den jungen Leuten, die zur Arbeit fahren und schwatzen oder ein Nickerchen halten. Ich bin hundemüde, aber zum Einnicken viel zu aufgeregt.

    In den ersten Jahren meines Schriftstellerdaseins bin ich in jedem März nach Leipzig gefahren. Mit einem Rucksack voller Manuskriptauszüge, Visitenkarten, Beutel für Gratiszeitungen. Die Beutel füllte ich, meine Texte wurde ich nicht los.

    Heute weist jeder Blogger darauf hin, dass man ohne Termin nicht bei Verlagen vorstellig werden soll und kann. An den meisten Ständen sind die Lektoren eh nicht vor Ort oder lassen sich verleugnen. Schutzmechanismus, auch vor Jahren war ich nicht die einzige mit kiloschwerem Text-Gepäck.

    Es gab dann Messen, zu denen ich gefahren bin, weil ich etliche Termine vorab vereinbaren konnte und mich mit Kolleginnen verabredete, Dozenten oder berühmte Autoren traf. Einige Male kamen eigene Lesungen dazu, auf dem Messegelände oder in der Stadt.

    Ungefragt klapperte ich nur noch die Stände der Schulbuchverlage ab, um für Flüchtlingskinder Material zu erbetteln. Diese Bittstellerei übte ich souverän und erfolgreich aus, ich tat es für andere, das war der Unterschied.

    Die Möglichkeit, auf dem Messegelände in einer Stunde zehn Lesungen zu besuchen, minutenlang zuzuhören, weiterzugehen, immer in dichtem Getümmel, immer in Bewegung, nehme ich nicht mehr wahr. Es ist eine gute Idee, wie beim Lesen auch, nach Minuten entscheiden zu können, ob mir Geschichte, Sprache, hier sogar: Vortragsweise gefallen. Ich kann mich – ohne Aufsehen zu erregen – wieder entfernen. Die zahlreichen Lesungen in all den Hallen auf dem Messegelände verleiten dazu, überall sein zu wollen, etwas aufzuschnappen, schnell ein Urteil zu bilden und weiterzuziehen. Das entspricht dem Twitter-Instagram-Zeitgeist heute noch viel mehr als vor Jahren. Mich erschöpft das. Nach einer Stunde habe ich so viele Geschichten, Schreibstile und Figuren im Kopf, als hätte ich zwanzig Trailer hintereinanderweg gesehen – und so ist es schließlich auch. Nur, dass ich dabei nicht auf dem Fernsehsessel entspanne und mittels Fernbedienung in der Hand jederzeit ausschalten könnte, sondern in den immer zu warmen gläsernen Hallen auch noch von viel zu vielen anderen Gästen eingeengt werde. Mich bedrängt fühle. Diesen körperlichen Kontakt mochte ich auf der Messe noch nie, inzwischen ist eine Grundangst hinzugekommen, die bleiben wird.

    Meine Leipziger Freundin wird später davon schwärmen, wie entspannt es an diesem Donnerstag zwischen den vielen Ständen zuging – und ich werde sie erstaunt angucken und sagen: Mir ist es schon viel zu voll.

    Noch sitze ich im Zug, dem dritten, das erste Umsteigen war ein Sprint, Treppen runter, Treppen hoch, Tür öffnen und erst dann zu schnaufen beginnen. Vor einem Zug zu stehen (heute) und den Türknopf zwar bedienen zu können, aber ohne Wirkung, und dann zuschauen zu müssen, wie die Waggons sich an mir vorbei bewegen, hilflos (heute), ist seit dem Erlebnis vor einem Jahr eine Horrorvision für mich. Früher – das im Gegensatz zum „heute“ – konnte man aufspringen, die Tür öffnen, sich setzen. Als Jugendliche jedenfalls, fraglich, bis zu welchem Alter das möglich gewesen wäre, gäbe es heute noch diese Züge – aber das ist ja das Schöne an Erinnerungen, sie zeigen einen so mobil, wie man einmal war.

    Keine Wiederholung also und das zweite Umsteigen echt entspannt. Zielbahnhof Leipzig Messe. Die Straßenbahnen stehen noch, es ist kurz nach neun und ziemlich frisch.

    Ich bin froh über meinen Presseausweis, mit dem ich nicht nur kostenfrei hinein darf, sondern auch eine halbe Stunde früher als die anderen Besucher.

    Es kann losgehen.

    Ich habe nur zwei Termine und ein paar geplante Recherchen zu Literaturzeitschriften, schließlich wollen wir als Verband selbst eine herausgeben. So viele Beutel wie früher benötige ich nicht, die Zeitungs-, Zeitschriften- und Buchproduzenten sind längst nicht mehr so freigiebig.

    Der erste Termin ist ein Gespräch mit der Verlegerin zu meinem dritten Roman, der demnächst erscheinen soll. Ein kleiner Verlag am anderen Ende des Landes, so erscheint es mir manchmal, aber über die Jahre haben wir uns etwas kennengelernt und wissen, dass wir reden können. Eine gute Grundlage.

    Anschließen sollen Gespräche in unserer geliebten Oase auf dem Messegelände stattfinden, im Café Wien. Der zweite Termin verläuft jedoch nicht so erfolgreich wie der erste: das Café Wien gibt es in diesem Jahr nicht. Dabei ist Österreich doch Gastland der Leipziger Buchmesse 2023 und mit so vielen Ständen dort vertreten, dass ich auch etliche Fragen zu Literaturzeitschriften losgeworden bin.

    Das Café Europa hat geöffnet, in Ordnung, dann schwatzen wir eben dort. Und treffen andere und sehen andere und drängeln uns durch die Gänge, bis es zu dem kleinen Dialog kommt zwischen meiner Freundin und mir und ich froh bin, dass ich zum Zug gehen muss.

    Draußen hat die Sonne ganze Arbeit geleistet. Es ist warm wie in den Messehallen, aber die Wege sind leer, die Luft ist klar und ich freue mich, hier gewesen zu sein. Bis zum nächsten Jahr! Dann wieder Mitte März und vielleicht mit eigenen Lesungen.