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Die Angst, nicht genug zum Lesen zu Hause zu haben

Die Angst, nicht genug zum Lesen zu Hause zu haben
25. Juli 2026

Es geht nicht um die gut gefüllten Bücherregale, in denen tatsächlich noch das eine oder andere Buch darauf wartet, in die Hand genommen zu werden.
Doch es gibt Zeiten, in denen es zu kalt oder zu heiß, zu regnerisch, oder aus anderen Gründen nicht möglich ist, in die Bibliothek zu kommen. Also stöbere ich im Internet nach Leserunden, an denen ich mich beteiligen könnte.
Und nun muss ich mitmachen.
Das gelieferte Freiexemplar ist gebunden und hat sogar ein Lesebändchen. Die Schrift ist angenehm. Es stammt aus einem großen Verlag, was allerdings nicht bedeutet, dass es mir deshalb gefallen muss.

Neben mir sind sehr viele andere mit dem Lesen dieses Buchs beschäftigt und es gibt viele, denen die Geschichte gefällt. Mir eigentlich auch. Nur ist es ein Buch, das ich üblicherweise nach den ersten Seiten beiseite gelegt hätte, weil mir die Sprache zu blumig, die Dialoge zu hölzern, die Figuren zu schablonenhaft gestaltet sind.

Ich habe in den vergangenen Wochen etliche Bücher gelesen, die mich nicht vollständig überzeugt haben. Mal störte mich das aufgebauschte: „Es war zu viel passiert. Es war schon Blut geflossen. Es konnte nicht anders kommen“, das mich eher an Dan Brown als an hohe Literatur erinnert, mal dachte ich mit einem lachenden und einem weinenden Auge an das Figuren-Seminar in Wolfenbüttel, das eine ähnliche Personenbeschreibung (von der Haarfarbe bis zur Marke der Schuhe) in einem eingereichten Text vor der versammelten Gruppe zerrissen hätte. Aber die Geschichten waren alle logisch aufgebaut. Es gab gute Dialoge, witzige Stellen, viel Spannung und schöne Sätze.
Deshalb habe ich die Bücher ausgelesen.
Es ist ein großer Unterschied, ob ich selbst entscheiden kann, das Buch zu Ende zu lesen oder nach wenigen Seiten aus der Hand zu legen, oder ob ich mich sozusagen selbst dazu gezwungen habe, bis zum Ende durchzuhalten.

Die Leserunde war ein Versuch, wie ich schon mehrere unternommen habe. Vielleicht bin ich einfach zu kritisch. Oft genug blicke ich außerdem wie in einen Spiegel, wenn ich Dinge entdecke, die mir auch passieren beim Schreiben und die ich deshalb vielleicht noch mehr hasse.
Ich habe das Buch tapfer ausgelesen und bin von Leserunden erst einmal wieder geheilt.

Dieser Sommer ist durchwachsen. Es gibt ausreichend Möglichkeiten, in der Bibliothek neue Bücher zu holen und diese nach 10, 100 oder auch 1000 gelesenen Seiten zurückzubringen.

Kennenlernen – online

Kennenlernen – online
17. Juli 2026

Ich nutze social media selten. Ich mag mir nicht vorstellen, einhundert Freunde zu haben, von denen ich niemanden kenne. Ein paar Follower habe ich trotzdem – bei lovely books zum Beispiel. Das passt, obwohl ich auch diese Menschen nie persönlich getroffen habe. Was uns verbindet, sind meine Bücher.

Es soll Statistiken geben, die etliche FB- oder ähnliche Verteiler ausgewertet haben und festgestellt, dass Werbung auf diesen Kanälen für reale Veranstaltungen kaum etwas bringt. Man schreibt einhundert Menschen an (oder doch eher die Accounts) und einer macht sich vielleicht auf den Weg. Wenigstens wird kein Papier verschwendet, aber wer sagt, dass die Verschwendung von Strom geringer wiegt?
Auch deshalb mag ich diese Zeitfresserchen nicht.
Das Internet an sich aber schon.
Für heiße Sommertage oder verregnete, für eingeschränkte Beweglichkeit oder eingeschränkte Bahnverlässlichkeit (also fast immer) eignen sich online-Meetings perfekt.
Zum Beispiel, um andere zu sehen und kennenzulernen. Das persönliche kann man hoffentlich irgendwann nachholen.

Technik ist natürlich nur so lange gut, wie sie funktioniert.
Es gibt Videokonferenzen, die gut laufen und andere, bei denen man den Gegenüber kaum versteht. Bei denen die Verbindung zwischendrin abbricht oder man das Bild ausschalten muss, weil der Datenstrom das nicht aushält. Aber meistens funktioniert die Technik einigermaßen und einen Chat gibt es notfalls ja auch noch dabei.
Videokonferenzen habe ich schon einige erlebt, zuvor aber noch keinen Online-Stammtisch.

In der angenehmen Kühle eines Zimmers, vor einer weißen Wand oder einem Bücherregal, lässt es sich hervorragend plaudern. Man sieht die Kollegen und kann die Namen von der Website nach den ersten Sätzen endlich auch mit den Genres, Textauszügen und veröffentlichten Lebensläufen verbinden. Man hört die Stimme, sieht das Gesicht.
Weil die Videos, wie angeführt, das Internet ausbremsen, schaltet einer nach dem anderen das Bild ab. Für mich erhöht sich damit jeweils die Konzentration darauf, einander zuzuhören. Sich gegenseitig Fragen zu stellen, Ideen auszutauschen und zwei Stunden lang über nichts anderes als Literatur zu reden.
Draußen heizt der Sommer die Luft, drinnen ergibt sich eine wunderbare Beschäftigung am Abend.

Geduld

Geduld
19. Juni 2026

Alles nimmt ein gutes Ende für den, der warten kann. Sagt Leo Tolstoi. Kann man so sehen. Mir fällt das schwer, denn Geduld zählt nicht zu meinen Stärken.
Dabei brauche ich sie in diesem Sommer mehr als in allen anderen zuvor.

Es gibt unendlich viele Sprüche zur Geduld, zum Beispiel diesen: Das wahre Geheimnis der Geduld ist die Kunst, sich inzwischen mit etwas anderem zu beschäftigen.
Das tue ich. Ich lese Bücher mit 1300 Seiten Umfang, die ich sonst genau wegen dieser Seitenzahl aussortiert hätte. Ich lade mir Hörbücher runter, die mir dann doch nicht gefallen, weil die Auswahl auf den ersten Blick zwar riesengroß erscheint, aber ich schon beim Reinhören all das vermisse, was ich von einem guten Buch erwarte. Erst recht, wenn ich es nicht einmal in den Händen halten kann und vielleicht zurückblättern. Ganz abgesehen von den Stimmen der Vorleser, die manchmal nicht so gut zum Text passen. Für mich.
Immerzu lesen mag ich auch nicht. Also doch an die eigenen Texte gehen. Die alten, die verbuddelten, diejenigen, die nun wirklich lange genug „ruhen“ durften. Schauen, spüren, erlesen, ob sie etwas taugen. Ob sie mich berühren, aktivieren, überzeugen, sie nicht wieder in die Schublade zurückzulegen oder in den Datei-Ordner.
Elf Jahre alt sind die mehr als zweihundert Seiten, bei denen ich letztlich oder erst einmal hängenbleibe.
Etliche Szenen sind so gut, dass es sich lohnen könnte. Allerdings gibt es noch gar kein Ende. Einiges habe ich inzwischen recherchiert, anderes steht noch aus, aber die hauptsächliche Arbeit wird darin bestehen, eine tragfähige Dramaturgie zu entwickeln. Das Gerüst existiert, nur biegen sich links die dicken Bohlen überladen durch, während die Streben rechts dünn wie Reisig aussehen und gar nichts tragen.
Es ist gut etwas zu haben, woran ich arbeiten kann, zu wissen, dass es mich lange Zeit beschäftigen kann – und ablenken.
Mehrere neue Projekte hatte ich begonnen und wieder verworfen. Vielleicht war es nicht so dringend, wie es sich angefühlt hatte bei den ersten vollgetippten Seiten, vielleicht komme ich später darauf zurück.
Ich versuche einzukalkulieren, dass mir nur eine begrenzte Zeit zur Verfügung steht, um an dem elf Jahre alten Text zu arbeiten.
Denn in diesen gerade erst beginnenden Sommer muss vor allem das Korrektorat für meinen neuen Roman passen, mit der dafür notwendigen Energie.
Dazu kommt die Cover-Gestaltung, das Abstimmen mit dem Verleger, Listen mit Organisationsaufgaben. Meistens geht mir alles zu langsam. Ich möchte aber auch nicht, dass die Zeit schneller vergeht, nur weil ich nicht warten kann.
Kurt Tucholsky sagte, man braucht sehr viel Geduld, um diese zu lernen.
Wie wahr.

Der Leipzig Podcast …

Der Leipzig Podcast …

22. März 2026

kommt hier nicht, obwohl ich den Text tatsächlich im Entwurf aufgesprochen habe.

Aber chronologisch.
„Verspätung aus vorheriger Fahrt“ ist das Wort des ersten Tages.
Hochdeutsch geschrieben oder sächsisch gesprochen spielt keine Rolle und zeigt nur, dass es nördlich wie südlich genauso schlecht um die Bahn bestellt ist.
Die Anreise war genau so, wie man es sich vorstellt. Mit zwanzig Minuten Verspätung fuhr der erste Regionalexpress los, die Umstiegszeit in Dessau schmolz dahin. Der Zugbegleiter schließlich empfahl allen nach Leipzig Reisenden in Roßlau auszusteigen, um den Anschlusszug einen Halt vorher noch erreichen zu können. Nur Momente später rollte der Zug aus Magdeburg ein, hielt an und erklärte den vielleicht einhundert wartenden Menschen: „Wir sind voll. Der nächste Zug ist doppelt so lang. Warum sind Sie überhaupt hier ausgestiegen?“
Weil der Zugbegleiter das empfohlen hat.
Von Dessau aus hätte man vielleicht eine S-Bahn erwischt. So blieb nur auf den nächsten Zug zu warten. Die Schüler sprangen über die Zäune und vergnügten sich auf dem Rasen mit Glasflaschen, die andere dort hinterlassen hatten, und versuchten, sie mit dem Schießen an Betonpfeiler kaputt zu kriegen. Nach Aussage einer Reisenden waren die Lehrerinnen im Geburtstagsfeierrausch und kümmerten sich nicht darum.
Zum Glück kam der nächste Zug. Auch voll, aber irgendwie kamen alle hinein, um in Leipzig am Bahnhof Messe wieder auszusteigen und hintereinander zu den gläsernen Messehallen zu laufen.
Verwundert schaute ich auf die Anlage mit den Springbrunnen: es gab keine langen Schlangen. Die Organisation war also wesentlich besser als noch vor einem Jahr.
Ich hatte es noch besser, denn ich ging ins Pressezentrum. Begrüßte das Messemännchen, das es also auch noch gibt. Um mich herum himmlische Ruhe. Saubere Toiletten, hilfsbereite, freundliche Mitarbeiter, die mir Gepäck und Jacke abnahmen. Und dann war ich drinnen. Immerhin nur mit knapp zwei Stunden Verspätung.
Die Aussteller sind am Donnerstag noch ausgeruht. Es gibt fast überall kostenfreie Zeitungsexemplare. Die Gespräche sind freundlich und vor allem ist es nicht schwer, tatsächlich zu denen vorzudringen, mit denen man reden möchte, von einer Halle in die nächste.
Ich hatte neben den selbst gewählten Gesprächsterminen einige Lesungen auf dem persönlichen Programmzettel, die ich mir gerne anhören wollte und schaffte es sogar noch, liebe Menschen zu treffen und mit ihnen zu schwatzen.
Am späten Nachmittag ging es in der überfüllten S-Bahn zurück in die Stadt, etwas essen, ein wenig frisch machen und dann ins Literaturhaus. Das Leipziger Literaturhaus war gerade in den Schlagzeilen. Nun scheint die weitere Finanzierung gesichert zu sein. Der Saal war ausverkauft, ich saß, andere standen sogar. Judith Hermann las viele Stellen aus ihrem neuen Buch, erzählte und beantwortete Fragen. Die Veranstaltung war sehr interessant und ein Hörerlebnis, die Autorin live zu erleben hatte ich mir schon lange gewünscht.

Nach kurzer und unruhiger Nacht folgte der zweite Tag auf der Messe. Es war wesentlich voller als am Donnerstag, allerdings kam es mir auch wärmer vor. Vermutlich, weil nicht überall die Fenster und Türen offen standen.
Ich hatte keine Termine mehr vereinbart und konnte mich treiben lassen. Ich erwischte noch eine Zeitung, die am Tag zuvor vergriffen gewesen war, sah einem Lego-Roboter zu, wie er den Zauberwürfel in Windeseile bearbeitete, und freute mich darüber, dass es im Beltz-Verlag Neuauflagen all meiner Kinderbücher zu geben scheint. Ich besuchte die Stände von einfacher und leichter Sprache, weil mich das gerade interessiert, wurde von Autoren angesprochen, die eigene Stände auf der Messe aufgebaut hatten, und staunte über das riesige Angebot an Hörbuch-Verlagen. Ich hielt bei Lesungen an, lauschte englischer und französischer Sprache und österreichischem Dialekt und nahm vor dem dichter werdenden Gedränge letztlich doch Reißaus.
Eine Pause hatte ich dringend nötig, die ich dann doch mit all den gehamsterten Zeitungen zubrachte, um nur die wichtigsten Artikel mit nach Hause schleppen zu müssen.
Am Abend hatte ich großes Glück und durfte in die bereits ausgebuchte Thalia-Buchhandlung hinein, in der Jana Hensel ihr neues Buch „Es war einmal ein Land“ vorstellte.
Obwohl ich die letzten Jahrzehnte bewusst erlebt habe, war einiges vollkommen neu für mich. Spannend, lange recherchiert, gut vorgetragen.
Für mich ein nachdenklich stimmender Abschluss dieser Buchmesse.
Um den vielen Büchern in meinen Regalen nicht noch weitere aufzubürden, habe ich nun erst einmal all meine Fernleihwünsche an die Bibliothek weitergegeben.
Lesestoff für die kommenden Wochen, ich freue mich darauf.

Krimi/Thriller

Krimi/Thriller

23.02.2026

Ich weiß jetzt wieder, weshalb ich mir Thriller lieber anschaue als welche zu lesen.
In meiner Jugendzeit, als Pause zwischen Reclam-Büchern der Hochliteratur, griff ich unterwegs gern zu Krimis, die es damals in jeder Bahnhofsbuchhandlung für ein paar Pfennige zu kaufen gab. Das Wesentliche in diesen Geschichten, die für eine Zugfahrt reichten, war die zwischen den Zeilen lesbare Kritik an der herrschenden Versorgungslage. Freudentaumel über Zitronen oder Apfelsinen (die „echten“) sind mir jedenfalls stärker in Erinnerung geblieben als die Mordfälle selbst oder die Arbeit der Polizei.
Heute wähle ich aus, wofür ich meine Lesezeit nutze. Oft sind es Autoren, die ich per Zufall entdecke und von denen ich dann möglichst „alles“ lesen möchte. Solange, bis ich Wiederholungen finde oder einfach gesättigt bin.
Auf manchen Büchern steht sogar „Krimi“, aber ein Fall wird höchstens am Rande behandelt, neben dem Hauptstrang, der sich um menschliche Beziehungen dreht. Ein Toter, eine Tote als Aufhänger, wie bei der schrillen Werbung für „Mein Herz so weiß“ von Javier Marías vor mehr als dreißig Jahren, das auch ein Krimi sein sollte, nur, weil die Braut sich auf der ersten Seite umbringt. Für mich jedenfalls war es kein Kriminalroman und ich bin sehr froh, der Werbung nicht geglaubt zu haben, sonst hätte ich es vielleicht nie gelesen.

Regionale Krimis habe ich dann und wann zur Hand genommen, in den meisten Fällen deshalb, weil ich den Autor oder die Autorin kenne. Thriller schreiben sie glücklicherweise alle nicht.
Die möchte ich nicht lesen.
Es gibt ungezählte Filme und Serien dieses Genres, und wenn es zu brutal wird, schließe ich die Augen. Das funktioniert gut. Noch immer interessieren mich die Geschichten der Menschen mehr als die eigentlichen Kriminalfälle. Weshalb man Brutalität überhaupt zeigen muss, verstehe ich nicht. Beschreibungen würden mir vollkommen ausreichen.
Allerdings nur, wenn ich sie höre.
Denn ich habe einen dicken Kriminalroman oder doch eher Thriller gelesen und ahnte, dass die Schilderungen mich bis in die Nacht verfolgen würden. So kam es denn auch. Gut geschrieben, würden Kritiker vielleicht ausrufen, so soll es sein! Nicht für mich.
Ich mag keine Alpträume und schon gar keine, die sich aus Gelesenem speisen. Da kann das Buch noch so spannend sein, die Wendungen logisch und dennoch nicht immer vorhersehbar, die Geschichte teilweise sogar amüsant.
Ich werde wohl wieder zum Bildschirm zurückkehren. Auch, wenn mir dann manch ein gut formulierter Satz entgehen muss, weil er im Drehbuch nicht vorkommt, sondern der Prosa vorbehalten bleibt. Meine Nachtruhe ist mir wichtiger.

Einfaches Schreiben

Einfaches Schreiben

14. Januar 2026

Das Seminar wirkt immer noch nach. So geht es einigen der Teilnehmerinnen, deshalb haben wir überlegt, weiterzumachen. Als Online-Gruppe.
Ich muss also einen Text schreiben, den ich dort zur Diskussion stellen kann. Ich weiß nicht so recht, worüber ich schreiben soll.

Ich suche mir Anregungen. In einem Arztzimmer stand ich vor einem wunderschönen Ostseebild, das mit zahlreichen Einlegesohlen gespickt war. Ich überlegte, wie man jemandem Einlegesohlen erklären könnte. Das Plakat in einfachen Sätzen zu beschreiben, fiele mir leicht. Dünen, Gras, Wellen, Sonnenaufgang, Farben. Dann las ich die hinzugefügten Hinweise. Was eine Schaleneinlage ist, konnte ich sehen, sie ist an den Seiten nach oben gewölbt. Einbettung könnte ich erklären. Die vielen Fremdwörter kenne ich nicht. Der Arzt muss sie kennen und anwenden. Jeder Patient soll schließlich die beste Einlage verordnet bekommen. Aber braucht man dafür tatsächlich all die Fachbegriffe oder wäre es auch einfacher möglich?
In der Zeitung lese ich, dass an Berliner Gymnasien jetzt klassische Literatur in einfacher Sprache vermittelt wird. Handlung statt Sprachschönheit. Ein Beispiel ist auch abgedruckt, ich lese es sehr neugierig. Die „Übersetzung“ klappt, inhaltlich stimmt alles. Aber der Klang ist verschwunden. Der Rhythmus auch. Jeder Rapper könnte das besser.
Einfache Sprache am Gymnasium. Ich möchte in das Klagelied einstimmen. Abiturienten, die nicht in der Lage sein sollen, klassische Texte zu lesen.
Ich nehme mir das abgedruckte Beispiel noch einmal vor. Ein neues Fremdwort mitten hineingesetzt. Das alles andere ist als literarisch. Ich habe es doch auch schon besser gesehen. Literatur in einfacher Sprache. Mit Klang und Rhythmus. So fein verwoben, dass ich den Anlass glatt vergaß. Mich an den Bildern und Formulierungen erfreute, an der Spannung, der Dramaturgie.
Ich hätte keine Lust, klassische Literatur in einfache Sprache zu übersetzen. Diejenigen, die mit einfachen Sätzen Literatur entstehen lassen können, vielleicht auch nicht.

Ich kopiere ein Stück aus einem unfertigen Manuskript und beginne zu streichen. Umzuformulieren. Zu kürzen.
Es macht Spaß und es ist manchmal erschreckend, wie kompliziert ich etwas beschrieben habe. Der Textauszug wird kürzer. Und deutlicher. Sehr viel deutlicher. Es ist wie das Abschälen einer Frucht. Und plötzlich sehe ich den Kern. Ich muss eine Pause einlegen, weil mich das irritiert. Regelrecht verstört.
Dabei wurde uns das im Seminar so berichtet. Dass eine bekannte Autorin einen Text in einfacher Sprache verfasste und anschließend sagte: Jetzt weiß ich, worüber ich schreiben will.
Ich hatte es vernommen, mir das aber nicht vorstellen können. Wie sollte das möglich sein: während man sich auf Verben und einfache Aussagen konzentriert, zum Kern der Geschichte vorzudringen?

Vermutlich genau so.

Lektorat 2

Lektorat 2

31. Dezember 2025

Diese Feiertage werde ich so schnell nicht vergessen.

Familie und Schreiben unter einen Hut zu bringen, ist nicht immer einfach, aber ich habe es ganz gut hinbekommen.

Heute ist der letzte Tag eines sehr ereignisreichen Jahres und das Lektorat konnte pünktlich beendet werden. Ein Grund mehr zum Feiern.

Der schreibarme Dezember ist also in diesem Jahr ausgefallen, aber es war nicht nur anstrengend und intensiv, sondern auch voller Staunen und Freude. Wie gut es tut, mit konstruktiven Hinweisen zu arbeiten, wie viele Möglichkeiten es gibt, die Geschichte noch ein bisschen besser zu machen, das Staunen darüber, dass es gelingen kann.
Ein paar Arbeitsschritte stehen noch an: das Korrektorat, die Entscheidung für Titel und Cover, Klappentext und Danksagung, der Druck.
Mit dem Dankeschön fange ich schonmal an: Danke an alle, die mich unterstützt haben und sich mit mir freuen auf meinen neuen Roman.

Auf ein gutes, friedliches 2026.

Lektorat 1

Lektorat 1

02.12.2025

Endlich geht es los. Ich habe die ersten Seiten und ein paar Fragen von der Lektorin erhalten und bin erst einmal abgetaucht. In meinen Text, in die Figuren, ihre Eigenarten und Wünsche.
Was mir als Autorin sonnenklar ist, muss auch dastehen. Ganz einfach und manchmal ziemlich schwer.
Wenn ich beinahe verzweifle, denke ich an eine Übung aus dem letzten Seminar: wir sollten eine Person ganz genau beschreiben, die uns gegenübersteht oder -sitzt. Anschließend wurde der Text von einer anderen Person vorgelesen, während eine weitere Person sich textkonform hinstellen oder hinsetzen sollte. Während des Seminars wurde sehr viel gelacht. Dabei dachte vermutlich jeder, das exakt beschrieben zu haben. War es aber nicht, wie die Verrenkungen sehr deutlich zeigten.
Ich denke an diese Übung und muss unweigerlich schmunzeln. Also los. Wie genau war das mit dieser oder jener Figur, weshalb sagt sie genau diesen Satz an genau dieser Stelle. Wie wichtig sind gewölbte Fensterscheiben, wie detailliert muss der Boden beschrieben werden, wo genau befindet sich eine Figur. Braucht sie für das, was sie im Text gerade tut, zwei oder eher drei Hände?
Natürlich sollten diese Fragen längst beantwortet sein, wenn das Manuskript bei einem Verlag angekommen ist. Betriebsblind zu werden nach der zehnten oder zwanzigsten Überarbeitung gehört aber auch dazu. Dafür sind Lektorinnen da. Zum Glück. Also weiter.

Einfach schreiben

Einfach schreiben

14. November 2025

Ich habe ein weiteres Seminar in Wolfenbüttel besucht.
Ich habe viel gelernt.
Pausenlos.
Das stimmt nicht ganz.
Ein paar ganz kurze Pausen gab es.

Einfache Sprache ist nicht das Gleiche wie leichte Sprache.
Einfach zu schreiben ist nicht leicht.
Das habe ich dort verstanden.
Es gibt keine starren Regeln.
Es gibt viele Hinweise.
Wie diese:
Die Schrift soll größer sein als üblich.
Die Schrift soll gut lesbar sein.
Man soll jeden Satz in einer neuen Zeile beginnen.
Das funktioniert.
Funktionieren ist aber schon fast ein Fremdwort.
Das soll man erklären.
Es soll aber auch noch gut klingen.

Einfaches Schreiben ist für alle Menschen.
Nicht nur für Personen, die die Sprache noch nicht kennen.
Nicht nur für Kinder.
Nicht nur für Menschen, die langsam lernen.
Alle sollen es verstehen.
Und sich an den Sätzen erfreuen können.

Eine Bedienungsanleitung soll leichte Sprache verwenden.
Eine Bedienungsanleitung muss nicht schön sein.
Sie soll nur helfen, etwas zu bauen.
Oder einzuschalten.
Oder auszuschalten.

Einfache Sprache ist bunter als leichte Sprache.
Aber wie macht man das?
Wir haben viel geübt und Vieles ausprobiert.
Das haben wir uns vorgelesen und darüber gesprochen.
Wir haben uns ausgedacht:
Eine Seminargruppe ist so ähnlich wie eine Schulklasse.
Ein Wolkenkratzer ist ein sehr großes Hochhaus.
Haus an Haus an Haus kann ein Reihenhaus sein.
Man kann damit aber auch eine Siedlung beschreiben.

Wir haben aus dem Deutschen ins Deutsche übersetzt und aus ganz langen und sehr komplizierten Sätzen kurze gemacht.
Berühmte Gedichte neu geschrieben.
Erste Sätze aus Büchern genommen und uns ausgedacht, wie es weitergehen kann.
Von uns erzählt: von Flugzeugen und Wolken und Schwänen.
Von Flüssen und vom Radfahren.
Von Bergen und ihren Spitzen und vom Schlafen.
Bis wir ganz müde wurden.
Wir haben die Nächte zum Ausruhen gebraucht und sehr wenig Alkohol getrunken.

Von Wolfenbüttel haben wir kaum etwas gesehen.
Nur zum Mittagessen liefen wir durch die Stadt.
Wir haben mittags in einer Gaststätte gegessen.
Dorthin liefen wir zuerst über eine Brücke.
Am Geländer hängen kleine Schlösser.
Solche von Liebenden.
Vielleicht auch von Menschen, die sich früher einmal geliebt haben.
Auch Blumenkästen sind dort angebracht.
Es war warm.
Die Blumen waren noch nicht erfroren.
Sie blühten rot und weiß.
Wir gingen durch Straßen und über Plätze.
Die meisten Häuser stehen dort schon sehr lange.
Einige wurden erst vor ein paar Jahren gebaut.
Der Platz am Busbahnhof ist neu.
Dort gibt es eine große Buchhandlung.

Wir wohnten in der Mühle.
Das große Haus ist schon sehr alt.
Drinnen ist es modern.
Wir lernten auch in der Mühle.
Nach dem Seminar fuhren wir wieder nach Hause.
In sehr viele Richtungen: bis nach Flensburg oder Köln oder München oder Berlin.
Nur die ersten zehn Minuten waren wir noch gemeinsam in der Bahn.
In Braunschweig trennten wir uns.
Vielleicht sehen wir uns wieder.
Einfach so.

Gern mehr davon

Gern mehr davon

24. September 2025

Der Herbst ist da, nach dem Kalender und real, mit sechs Grad am frühen Morgen und sonnigen Stunden tagsüber.
Und damit ein neuer Leseort für mich und ziemlich viel Lampenfieber.
Der Raum füllt sich, ich nippe trotz der Aufregung am Kaffee, dann endlich geht es los. Mit Vorstellung und kleiner Fragerunde, sehr angenehm. Ich muss antworten und habe keine Zeit für weitere Ängste.
Während ich anschließend die vorbereiteten Auszüge lese, herrscht absolute Stille.

Immer wieder muss ich mich selbst daran erinnern, das auch wahrzunehmen, dieses aufmerksame Zuhören ist mein Lohn.

Das während ich lese zu genießen, fällt mir nicht leicht. Ich muss schließlich vor allem flüssig vortragen, sollte mich nicht versprechen, ordentlich betonen und auf eine deutliche Aussprache achten, die im Alltag für mich leider nicht alltäglich ist.
Für Momente schaffe ich es, mich auf dieses Mucksmäuschenstille zu konzentrieren, und freue mich.

Ich beende die Lesung, die Ruhe bleibt. Niemand steht auf, niemand scharrt mit dem Stuhl oder kramt in der Tasche. Keine Fragen? Keine Meinung?
Erst einmal ein bisschen verdauen, sagt jemand, andere nicken.
Und dann geht es los. Ich antworte, darf aber auch schweigen und zuhören. Die Gäste erzählen, schwatzen miteinander, dann wieder mit mir. Es fühlt sich warm an wie ein Sommertag, dabei kannte ich vor einer Stunde noch niemanden.
Alle Ängste und die Aufregung sind vergessen, umsonst waren sie nicht, nur ein wenig zu stark. Ein neuer Ort ist immer eine besondere Herausforderung.

Nach diesem gelungenen Auftakt freue ich mich auf die nächste Lesung.