19. Juni 2026

Alles nimmt ein gutes Ende für den, der warten kann. Sagt Leo Tolstoi. Kann man so sehen. Mir fällt das schwer, denn Geduld zählt nicht zu meinen Stärken.
Dabei brauche ich sie in diesem Sommer mehr als in allen anderen zuvor.

Es gibt unendlich viele Sprüche zur Geduld, zum Beispiel diesen: Das wahre Geheimnis der Geduld ist die Kunst, sich inzwischen mit etwas anderem zu beschäftigen.
Das tue ich. Ich lese Bücher mit 1300 Seiten Umfang, die ich sonst genau wegen dieser Seitenzahl aussortiert hätte. Ich lade mir Hörbücher runter, die mir dann doch nicht gefallen, weil die Auswahl auf den ersten Blick zwar riesengroß erscheint, aber ich schon beim Reinhören all das vermisse, was ich von einem guten Buch erwarte. Erst recht, wenn ich es nicht einmal in den Händen halten kann und vielleicht zurückblättern. Ganz abgesehen von den Stimmen der Vorleser, die manchmal nicht so gut zum Text passen. Für mich.
Immerzu lesen mag ich auch nicht. Also doch an die eigenen Texte gehen. Die alten, die verbuddelten, diejenigen, die nun wirklich lange genug „ruhen“ durften. Schauen, spüren, erlesen, ob sie etwas taugen. Ob sie mich berühren, aktivieren, überzeugen, sie nicht wieder in die Schublade zurückzulegen oder in den Datei-Ordner.
Elf Jahre alt sind die mehr als zweihundert Seiten, bei denen ich letztlich oder erst einmal hängenbleibe.
Etliche Szenen sind so gut, dass es sich lohnen könnte. Allerdings gibt es noch gar kein Ende. Einiges habe ich inzwischen recherchiert, anderes steht noch aus, aber die hauptsächliche Arbeit wird darin bestehen, eine tragfähige Dramaturgie zu entwickeln. Das Gerüst existiert, nur biegen sich links die dicken Bohlen überladen durch, während die Streben rechts dünn wie Reisig aussehen und gar nichts tragen.
Es ist gut etwas zu haben, woran ich arbeiten kann, zu wissen, dass es mich lange Zeit beschäftigen kann – und ablenken.
Mehrere neue Projekte hatte ich begonnen und wieder verworfen. Vielleicht war es nicht so dringend, wie es sich angefühlt hatte bei den ersten vollgetippten Seiten, vielleicht komme ich später darauf zurück.
Ich versuche einzukalkulieren, dass mir nur eine begrenzte Zeit zur Verfügung steht, um an dem elf Jahre alten Text zu arbeiten.
Denn in diesen gerade erst beginnenden Sommer muss vor allem das Korrektorat für meinen neuen Roman passen, mit der dafür notwendigen Energie.
Dazu kommt die Cover-Gestaltung, das Abstimmen mit dem Verleger, Listen mit Organisationsaufgaben. Meistens geht mir alles zu langsam. Ich möchte aber auch nicht, dass die Zeit schneller vergeht, nur weil ich nicht warten kann.
Kurt Tucholsky sagte, man braucht sehr viel Geduld, um diese zu lernen.
Wie wahr.