14. Januar 2026
Das Seminar wirkt immer noch nach. So geht es einigen der Teilnehmerinnen, deshalb haben wir überlegt, weiterzumachen. Als Online-Gruppe.
Ich muss also einen Text schreiben, den ich dort zur Diskussion stellen kann. Ich weiß nicht so recht, worüber ich schreiben soll.
Ich suche mir Anregungen. In einem Arztzimmer stand ich vor einem wunderschönen Ostseebild, das mit zahlreichen Einlegesohlen gespickt war. Ich überlegte, wie man jemandem Einlegesohlen erklären könnte. Das Plakat in einfachen Sätzen zu beschreiben, fiele mir leicht. Dünen, Gras, Wellen, Sonnenaufgang, Farben. Dann las ich die hinzugefügten Hinweise. Was eine Schaleneinlage ist, konnte ich sehen, sie ist an den Seiten nach oben gewölbt. Einbettung könnte ich erklären. Die vielen Fremdwörter kenne ich nicht. Der Arzt muss sie kennen und anwenden. Jeder Patient soll schließlich die beste Einlage verordnet bekommen. Aber braucht man dafür tatsächlich all die Fachbegriffe oder wäre es auch einfacher möglich?
In der Zeitung lese ich, dass an Berliner Gymnasien jetzt klassische Literatur in einfacher Sprache vermittelt wird. Handlung statt Sprachschönheit. Ein Beispiel ist auch abgedruckt, ich lese es sehr neugierig. Die „Übersetzung“ klappt, inhaltlich stimmt alles. Aber der Klang ist verschwunden. Der Rhythmus auch. Jeder Rapper könnte das besser.
Einfache Sprache am Gymnasium. Ich möchte in das Klagelied einstimmen. Abiturienten, die nicht in der Lage sein sollen, klassische Texte zu lesen.
Ich nehme mir das abgedruckte Beispiel noch einmal vor. Ein neues Fremdwort mitten hineingesetzt. Das alles andere ist als literarisch. Ich habe es doch auch schon besser gesehen. Literatur in einfacher Sprache. Mit Klang und Rhythmus. So fein verwoben, dass ich den Anlass glatt vergaß. Mich an den Bildern und Formulierungen erfreute, an der Spannung, der Dramaturgie.
Ich hätte keine Lust, klassische Literatur in einfache Sprache zu übersetzen. Diejenigen, die mit einfachen Sätzen Literatur entstehen lassen können, vielleicht auch nicht.
Ich kopiere ein Stück aus einem unfertigen Manuskript und beginne zu streichen. Umzuformulieren. Zu kürzen.
Es macht Spaß und es ist manchmal erschreckend, wie kompliziert ich etwas beschrieben habe. Der Textauszug wird kürzer. Und deutlicher. Sehr viel deutlicher. Es ist wie das Abschälen einer Frucht. Und plötzlich sehe ich den Kern. Ich muss eine Pause einlegen, weil mich das irritiert. Regelrecht verstört.
Dabei wurde uns das im Seminar so berichtet. Dass eine bekannte Autorin einen Text in einfacher Sprache verfasste und anschließend sagte: Jetzt weiß ich, worüber ich schreiben will.
Ich hatte es vernommen, mir das aber nicht vorstellen können. Wie sollte das möglich sein: während man sich auf Verben und einfache Aussagen konzentriert, zum Kern der Geschichte vorzudringen?
Vermutlich genau so.
